Sparer bei Risiken auf einem Auge blind

Veröffentlicht am 24. November 2013
Von Andreas Hackethal

Ein Forscherteam rund um den Mannheimer Kollegen Martin Weber hat ein spannendes Experiment mit fast 2.000 Teilnehmer durchgeführt. Diese sollten virtuelles Geld nach eigenen Vorstellungen auf eine risikofreie und auf eine riskante Anlagemöglichkeit aufteilen. Tatsächlich gingen die meisten Teilnehmer fast nach Lehrbuch vor. Je länger sie z. B. ihr Geld anlegen wollten, umso mehr gingen sie ins Risiko. Nun kommt aber der Clou. In einem zweiten Schritt wurde den Teilnehmern jeweils ganz unterschiedliche Anlagen unter der Überschrift Risiko angeboten. Risiko war also überhaupt nicht mehr gleich Risiko und es machte für das Gesamtrisiko der Anlagen einen Riesenunterschied, welche konkrete Anlage auf der Risikoseite angeboten wurde. Das überraschende Ergebnis: Die Teilnehmer wählten dieselbe Aufteilung auf Risikofrei und Risiko, egal wie riskant die Risikoseite eigentlich war.
Ein kleines Beispiel soll das Problem verdeutlichen. Man stelle sich vor, dass das Risiko einer Anlage auf einer Skala von 0 bis 6 gemessen wird. 0 bedeutet risikofrei und die Klassen 1-6 spiegeln aufsteigendes Risiko mit aufsteigenden Renditen wider. Nehmen wir an, ein Anleger entscheidet sich im Experiment wegen Anlagehorizont und Risikoneigung für die Aufteilung 1/3 risikofrei und 2/3 riskant, wobei bei diesem Durchlauf riskant gleichbedeutend mit Risikoklasse 3 ist. Dann liegt sein Gesamtrisiko bei 1/3*0 + 2/3*3 = 2. Ist riskant jedoch gleichbedeutend mit Risikoklasse 6 und der Anleger bleibt bei seiner Aufteilung, dann ergibt sich nun ein Gesamtrisiko von 1/3*0 + 2/3*6 = 4. Der Sparer trägt also nun ein doppelt so hohes Gesamtrisiko. Wohlgemerkt wurden die Teilnehmer über das ungefähre Risiko der riskanten Alternative aufgeklärt (wenn auch nicht in Form einfach verständlicher Risikoklassen). Viele Sparer sind also offensichtlich auf einem Auge blind. Sie überlegen sich zwar einerseits, mit wie viel Ihres Geldes sie ins Risiko gehen. Auf der anderen Seite behandeln sie aber alle Risiken mehr oder minder gleich. Risiko ist jedoch kein An-Aus-Schalter, sondern vielmehr ein Dimmer.
Was lässt sich hieraus lernen? Für den Sparer: Er oder Sie muss sich einfach die Mühe machen und hinter den Vorhang schauen, wenn es um riskante Anlagen geht. Die beiden Fragen gehören also zusammen: Wie viel meines Geldes lege ich ins Risiko? Und: Wie riskant sind meine riskanten Anlage tatsächlich? Am einfachsten geht das freilich, wenn man auf der riskanten Seite DEN Standard für riskante Anlagen hält, nämlich ein maximal über alle weltweiten Märkte gestreuten Aktiendepots. Dieses Depot hat dann auch das Standardrisiko, das in meinen Videos dem voll gefüllten Becher mit Unternehmenswürfeln entspricht. Das Gesamtrisiko der Anlagen wird dann einfach über Verteilung des eigenen Geldes auf risikofrei und diesen Würfelbecher gesteuert. Diese Vorgehensweise entspricht in den Videos dem sogenannten Anlegerwürfel (eben von 1-6). Für die Finanzinstitute und Berater bedeutet das Ergebnis aus dem Experiment, dass sie sich in der Beratung auf die Frage konzentrieren sollten, wie viel risikofrei und wie viel riskant angelegt werden sollte, und bei der Gestaltung der riskanten Anlagen auf maximale Risikostreuung und damit den Standard setzen. Für den Gesetzgeber könnte das Ergebnis schließlich bedeuten, dass die Finanzinstitute dazu angehalten werden sollten, zumindest einmal pro Jahr Ihren Kunden anhand einer einfachen und über Institute einheitlichen Skala auszuweisen, wie viel Risiko im Vorjahr im Depot einerseits und in den Gesamtanlagen andererseits war und welche Rendite darauf insgesamt erzielt wurde.

Quelle: Volatility Inadaptability: Investors Care About Risk, But Can’t Cope with Volatility by Christian Ehm, Christine Kaufmann & Martin Weber (2013)

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